Verrückte Welt 🌍 – Wieviel Geld darf es denn bitte sein?

Die Aufschrift „Fremdenzimmer“ huscht im Blickwinkel an mir vorbei, als ich mit der Fellnase auf dem Weg zum Deich bin. Wow – gibt es diesen Begriff wirklich noch? Was für ein Gegensatz im Zeitalter von Airbnb und Couchsurfing. – Oder geht das nur mir so? Wenige Minuten später heißt es im Radio, dass die Globalisierung und Digitalisierung dazu beitragen werden, dass sich das Gefälle zwischen Arm und Reich vergrößern wird. Ist das so? Und schon hänge ich meinen eigenen Gedanken nach. Der Traum von mehr Freizeit. An dem Ort arbeiten, wo ich mich am wohlsten fühle. Zeit nehmen, genau das zu machen, was ich will oder einfach nichts zu tun. Und schon bin ich wieder bei Digitalisierung und Globalisierung und der wirtschaftswissenschaftlichen Prophezeiung, dass viele der heutigen Berufe verschwinden werden. Das heißt doch dann, dass wir weniger Arbeit auf mehr Leute verteilen werden. Es bleibt dabei: Die stete Veränderung ist unser Begleiter. Aber was bleibt? Werden die Gewinner die Berufsgruppe der Pflegekräfte & Krankenschwestern sein? Wird Empathiefähigkeit das große Herausstellungsmerkmal des Menschen sein? Etwas, was künstliche Intelligenz nicht leisten kann? Und überhaupt: weniger Geld? Heißt weniger arbeiten nicht auch weniger Geld? Was wird dann aus meinen Träumen? Der Roadtrip durch Kanada oder der Helikopterflug über den Hawaiiinseln? Vielleicht ist alles nur eine Frage des Blickwinkels. Wieviel Geld muss es denn überhaupt sein? Sind die Zwänge nicht doch selbst kreiert: die Rate für das Eigenheim, die Rate für das Auto, der Beitrag im schicken Fitnessstudio, der neue Rasenmäher. Ach, irgendwie bedingt sich das doch auch alles. Und überhaupt: Können wir nicht im Kleinen anfangen unseren Konsum bewusster zu befriedigen? Mein Nachbar hat doch auch so einen tollen Rasenmäher. Auch ich komme mittlerweile zu der Erkenntnis: Teilen könnte ein Anfang sein. Klar, ich könnte auch wie die Bush People in der Wildnis leben – zurück zum Ursprung. Aber mal ehrlich – so freiheitsliebend bin ich gar nicht. Ich mag es zu arbeiten. Ich liebe die Kontakte zu meinen Kollegen. Ich finde es großartig, wenn meine Arbeit einen Sinn hat. Und ja, am Ende ist es natürlich auch ganz fein, dafür ein bisschen Geld auf dem Konto zu sehen. Und da ist wieder die Frage: Wieviel Geld darf es denn bitte sein? …dafür habe ich keine Antwort. Da muss ich nochmal ein bisschen in mich gehen. Zeit dafür habe ich derzeit ja im Überfluss. Und vor allem auch Zeit mal vermeintlich „verrückte“ Sachen auszuprobieren – vielleicht auch solche, die gar keinen tieferen Sinn ergeben. So viel Freiheit ohne Angst vor der Zukunft, denn ich Reise mit Sicherheitsleine die Sabbatical heißt.

Ich gehe dann mal weiter basteln an dem Geschenk zum 40ten meiner Freundin. Natürlich, hätte ich alles im WorlWideWeb bestellen können – finde ich so aber schöner: Persönlicher!

#Sabbatical #Fremdenzimmer #Globalisierung #Digitalisierung #WievielGelddarfesdennbittesein #NimmdirZeitgluecklichzusein #Teilen

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Später, Morgen, Jetzt nicht…

Hätte, wäre, wenn & dann ist es manchmal zu spät: die Freundin enttäuscht, das Angebot nicht mehr da, die Frist abgelaufen. Es sind diese Momente, wo ich eine Entscheidung treffe – schnell, unüberlegt & unumkehrbar. In Sekunden getroffen, der imaginären Prioritätenliste folgend. Irgendwie erscheint mir viel zu oft der Job gerade wichtiger.

Nun bin ich angekommen im #Sabbatical und frage mich, ob ich mich nicht selbst belogen habe in diesen Momenten der scheinbaren ‚Unabkömmlichkeit‘. Die #Erkenntnis: „Wahrscheinlich ja – zumindest manchmal!“

All dies fällt mir ein, wenn ich beim #Mädelsabend gefragt werde: „Und, wie fühlt es sich nun an, so ein Sabbatical?“…die Antwort ist nicht ein simples großartig oder gut. Nein – Ich überlege in Ruhe und versuche ehrlich in Worte zu fassen, was ich fühle. Genau das ist der Unterschied: Ich bin nicht gehetzt und versuche alle Termine unter einen Hut zu bekommen. Ich bin da – Ich bin wirklich da – Ich bin da mit Herz & Seele.

Ein Freund schickte mir kürzlich diesen Sinnspruch:…

…und das möchte ich nicht mehr. Ich möchte wirklich da sein, besonders wenn es um Menschen geht, die mir wichtig sind!

#Sabbatical #Erkenntnis #Mädelsabend #Niemehrspäter #Worklifebalance #Familytime

Jahresendspurt – und dann…Kopfstand🤔

Fragen – Schreiben – Reflektieren: Weit gefehlt! Hektisch flattere ich zwischen Workshops, Meetings und Mitarbeitergesprächen umher, als ob es kein MORGEN gäbe. Noch zwei Weihnachtsfeiern – Ich würde so gerne nur schlafen. Nützt ja nichts: Augen zu und durch! Plätzchen und Kuchen in Massen produziert und natürlich nebenbei ALLE Geschenke selber einpacken – weil ich das doch so gerne möchte und dabei entspanne. Das Weihnachtsgefühl kann sich dann langsam auch bei mir einschleichen. Völlig erschöpft falle ich ins Bett und dann: Weihnachten! Geschafft – und wieder ist fast ein Jahr vorbei. Mein schlaues Telefon fasst wie folgt zusammen: „66 leckere Gerichte gekocht – 202 verschiedene Zutaten verwendet!“ Alle Jahre wieder…Frohes Fest und ein tolles neues Jahr 2018!…

„Wenn uns bewusst wird, dass die Zeit, die wir uns für einen anderen Menschen nehmen, das Kostbarste ist, was wir schenken können, haben wir den Sinn der Weihnacht verstanden.“ (Roswitha Bloch)

…und so bleibt die Weihnachtsküche dieses Jahr kalt und wir geben die Verantwortung auf ein weihnachtliches Menü ab. Kein Gedanke darauf verschwendet, ob das Essen auch reichen wird, ob es auch allen schmecken wird und Deko – ohne richtigen Weihnachtsbaum ist das sonst ja auch kein richtiges Weihnachtsfest. Hotelgast zu sein, hat Vorteile: So begeben wir uns im hübschen Gewand vorbei an einer prunkvoll geschmückten Tanne mit entspannter Stimmung an unseren Tisch und lassen uns verwöhnen. Dann ist sie da – die Zeit für Gespräche ohne Hektik – ohne Unterbrechung. Ich lehne mich zurück und genieße es einfach nur hier zu sitzen und in die strahlenden Gesichter meiner Familie zu schauen: Das ist purer Luxus und ich koste jede Minute in vollen Zügen aus. Meine Erkenntnis – ab HEUTE 1 Jahr Urlaub trifft mich wie ein Blitzchlag. Ich wollte doch mal raus – also ein Sabbatjahr. Mein Plan KEINEN Plan zu haben: GESCHAFFT! Zum Glück war ich die letzten Wochen so überarbeitet, dass ich mich automatisch um vieles zu spät oder gar nicht gekümmert habe, sodass die Angst meine Once-In-A-Lifetime-Chance zu versauen, sich nicht einstellen konnte. ABER – Trotz all der Hektik und dem Stress der letzten Wochen: „Nach einem langen, intensiven und vor allem emotionalen Tag ist am 15.12.2017 um 18 Uhr der kleine Bruder ‚Der grauen Gans‘ auf die Straßen losgelassen worden. Getauft wurde er auf den Namen Vlow. Er ist nicht ganz der Leichteste, wiegt 3t und klein ist der Große dann auch nicht: 6,40 m!


Und jetzt stehe ich hier in Dänemark mit ganz viel Zeit im Gepäck, die Sonne im Gesicht, mein Mann & Vlow hinter mir und nun? Mir rauschen tausende Gedanken durch den Kopf: Gutes tun? Fotos machen und bloggen? Reisen? Alte Freunde treffen? To-Do-Liste – Steuererklärung: Kein Kommentar – Ich weiß, ich bin spät dran! Und in dem Wirrwarr der surrenden Gedanken fällt mir Edward de Bono ein. Wie oft habe ich die Kopfstand-Methode in Workshops schon angewandt. Also – warum nicht diese etwas ‚andere‘ Methode für mich alleine nutzen. Denn geht es für mich nicht gerade darum, Optionen und Ideen für mein Sabbatjahr zu entwickeln und das Surren aus dem Kopf auf das Papier zu bringen? Die Frage ist klar: „Was kann ich tun, dass mein Sabbatjahr ein Erfolg wird?“ Und jetzt der Clou der Kopfstandmethode und dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt: Die Frage ‚auf den Kopf stellen‘. „Was kann ich tun, dass mein Sabbatjahr ein kompletter Misserfolg wird?“ …Ich gehe dann mal etwas ‚rumspinnen‘. …

P.S.

Keine Angst, ich werde meine Ideen dann nochmals ‚auf den Kopf stellen‘, bevor ich mich an die Umsetzung konkreter Aktionen mache. 🙃

#Weihnachten #Roswithabloch #Jahresendspurt #Zeit #Edwarddebono #Sabbatical #Sabbatjahr #Urlaub #Vlow #Kopfstandmethode

Die Videobotschaft oder: Die Pinguin-Geschichte🐧

Ich bin ja nicht so der Typ von „HEUTE schreibe ich einen Blogbeitrag.“ Funktioniert einfach nicht unter Druck bei mir. Wäre zwar cool – frei nach dem Motto: „Jeden Sonntag einen Artikel posten.“ Theoretisch ist das doch der Tag, wo Zeit bei mir häufig im Überfluss zur Verfügung steht?! O.K. Garten, Haushalt usw. wollen auch ihre Aufmerksamkeit bekommen – aber das ist ja eher so eine Prioritätengeschichte. Egal, lohnt nicht weiter darüber nachzudenken, habe ich versucht: Funktioniert nicht! So treffen mich die Ideen und Wortfetzen eben weiterhin in den unmöglichsten Situationen: Beim Auto fahren – Ich fahre viel Auto! So traf es mich also diese Woche, als mich die Videobotschaft einer Freundin erreichte. Ich kann es kaum glauben, dass Jahr 2017 neigt sich dem Ende. Vorletzter Monat. Es ist November! Erkenntnis: Mit einer gewissen Regelmäßigkeit trifft mich die Schreiblust scheinbar monatlich. Interessant -oh, ich schweife ab. Die Videobotschaft: 

Die Pinguin-Geschichte oder: Wie man sich in seinem Element fühlt

Ich ging in einen norwegischen Zoo. Und dort sah ich einen Pinguin auf seinem Felsen stehen. Ich hatte Mitleid: „Musst du auch Smoking tragen? Wo ist eigentlich deine Taille? Und vor allem: hat Gott bei dir die Knie vergessen?“ Mein Urteil stand fest: Fehlkonstruktion. Dann sah ich noch einmal durch eine Glasscheibe in das Schwimmbecken der Pinguine. Und da sprang „mein“ Pinguin ins Wasser, schwamm dicht vor mein Gesicht. Wer je Pinguine unter Wasser gesehen hat, dem fällt nix mehr ein. Er war in seinem Element! Ein Pinguin ist zehnmal windschnittiger als ein Porsche! Mit einem Liter Sprit käme der umgerechnet 2500 km weit! Sie sind hervorragende Schwimmer, Jäger, Wasser-Tänzer! Und ich dachte: „Fehlkonstruktion!“ Diese Begegnung hat mich zwei Dinge gelehrt. Erstens: wie schnell ich oft urteile, und wie ich damit komplett daneben liegen kann. Und zweitens: wie wichtig das Umfeld ist, ob das, was man gut kann, überhaupt zum Tragen kommt. Wir alle haben unsere Stärken, haben unsere Schwächen. Viele strengen sich ewig an, Macken auszubügeln. Verbessert man seine Schwächen, wird man maximal mittelmäßig. Stärkt man seine Stärken, wird man einzigartig. Und wer nicht so ist, wie die anderen sei getrost: Andere gibt es schon genug! Immer wieder werde ich gefragt, warum ich das Krankenhaus gegen die Bühne getauscht habe. Meine Stärke und meine Macke ist die Kreativität. Das heißt, nicht alles nach Plan zu machen, zu improvisieren, Dinge immer wieder unerwartet neu zusammen zu fügen. Das ist im Krankenhaus ungünstig. Und ich liebe es, frei zu formulieren, zu dichten, mit Sprache zu spielen. Das ist bei Arztbriefen und Rezepten auch ungünstig. Auf der Bühne nutze ich viel mehr von dem was ich bin, weiß, kann und zu geben habe. Ich habe mehr Spaß, und andere haben mit mir mehr Spaß. Live bin ich in meinem Element, in Flow! Menschen ändern sich nur selten komplett und grundsätzlich. Wenn du als Pinguin geboren wurdest, machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus dir keine Giraffe. Also nicht lange hadern, Bleib als Pinguin nicht in der Steppe. Mach kleine Schritte und finde dein Wasser. Und dann: Spring! Und Schwimm! Und du wirst wissen, wie es ist, in deinem Element zu sein.

Dr. Echart von Hirschhausen (u.a. Kabarettist und Comedian) / http://www.hirschhausen.com / Glück

Ich mag diese liebenswürdige Geschichte. Der Personaler und Coach in mir nutzt die Kernaussage: Die Stärken zu stärken und DAS Element zu finden, um in einen Flow zu kommen. Und der Kritiker in mir fragt: Ist das so – 0 oder 1?

Der Perfektionismus des strukturierten Tagesablaufs ist heute für andere frei! Ich sitze und schreibe: die Wäsche ungewaschen, das Bad ungeputzt, der Garten – nun ja, dass Unkraut kämpft um die letzten freien Plätze. Und ich? Ich bin glücklich!  Ein neuer Artikel ist entstanden. Ist er perfekt, rethorisch ausgefeilt und gut recherchiert? Sicherlich nicht! Aber ist nicht der Trick, sich in einem neuen Element nicht mit denjenigen zu messen, die dort zuhause sind, sondern zu sich selbst? Ist es nicht so, das nichts mehr  befügelt, als das Gefühl, etwas geschafft zu haben, was man sich vorher nicht zugetraut hat. Ein Ziel in einem fremden Element! 

Ich bin dann wohl der extrovertierte Struki mit einer Affinität zur Kreativität. Passt nicht? Passt doch – es ist immer eine Frage des Blickwinkels!


#Hirschhausen#Pinguin#Stärken#Flow#Perfekt#Blickwinkel

Höher, Schneller, Weiter – Zurück im Alltag

Urlaub adieu! Der Alltag hat mich zurück – das heißt dann ja doch im Wesentlichen, meine Arbeit hat mich wieder. Diejenigen von euch, die mir schon ein paar Tage länger folgen, haben aber schon mitbekommen, dass aus meinem Traum ganz bald Wirklichkeit wird: Loslassen – Eine Runde aussteigen und die Achterbahn der Arbeit ein paar Runden ohne mich drehen lassen. Seitdem die Entscheidung offiziell ist, habe ich jeden Tag tolle Begnungen – ob nun beruflich oder privat – mit Menschen, die mit ehrlichem Interesse meine Pläne oder auch Nicht-Pläne für die reichhaltig gewonne Freizeit wissen möchten. Und auch so heute beim Mittagessen: Worte wie Respekt und Mut fallen. Fachliche Themen finden nur noch selten den Weg in die Mittagspause, dafür tauchen Fragen nach einem Karriereknick aufTja – Karriere: Was ist das eigentlich? Abitur – Ausbildung – Studium – Festanstellung – Beförderung – Beförderung – Beförderung …quasi der umgangssprachlich berufliche Aufstieg? Nun könnte ich ganz wissenschaftlich an diese Frage herangehen, um aus der Vielzahl schlauer Definitionen zu wählen oder ganz im Stil von Jorge Bucay: Komm, ich erzähl euch eine Geschichte:

In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze. Klick. Noch einmal: Klick, und da aller guten Dinge drei sind, und sicher sicher ist, ein drittes Mal: Klick. Das spröde fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer,  der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner Zigarettenschachtel angelt, aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeugs, schließt die eilfertige Höflichkeit ab. Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist – der Landessprache mächtig – durch ein Gespräch zu überbrücken versucht. „Sie werden heute einen guten Fang machen.“
Kopfschütteln des Fischers.
„Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter günstig ist.“
Kopfnicken des Fischers.
„Sie werden also nicht ausfahren?“
Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpasste Gelegenheit.
„Oh, Sie fühlen sich nicht wohl?“
Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über. „Ich fühle mich großartig“, sagt er. „Ich habe mich nie besser gefühlt.“ Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren,
wie athletisch er gebaut ist. „Ich fühle mich phantastisch.“
Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken,
die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: „Aber warum fahren Sie dann nicht aus?“
Die Antwort kommt prompt und knapp. „Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.“
„War der Fang gut?“
„Er war so gut, dass ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen …“
Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen beruhigend auf die Schultern. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis. „Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug“, sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. „Rauchen Sie eine von meinen?“
„Ja, danke.“
Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den Boots- rand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen. „Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen“, sagt er, „aber stellen Sie sich mal vor,
Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus, und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen … stellen Sie sich das mal vor .“
Der Fischer nickt.
„Sie würden“, fährt der Tourist fort, „nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?“
Der Fischer schüttelt den Kopf.
„Sie würden sich spätestens in einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden …“, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, „Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben, Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fisch
restaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann …“, wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen.
„Und dann“, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. „Was dann?“, fragt er leise.
„Dann“, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.“
„Aber das tue ich ja schon jetzt“, sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“
Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.

Heinrich Böll 



Und wie der Fischer nutze ich dieses Wochenende, um einfach mal innezuhalten und den Moment zu genießen. 

#Karriere #Karriereknick #Respekt #Mut #Pläne #Heinrichböll

📋Rappel, Vibratorwerbung und Höhenkontrollen – Mit 30 km/h durch Frankreich 🇫🇷 

Loslassen – ich versuche da schon mal so einen Testlauf im Urlaub: Blackberry AUS. O.K. – das ist die Pflicht, die Kür folgt, wenn es nicht mehr mit auf Reisen gehen darf. Aller Anfang ist schwer…
Wir tuckern über französische Landstraßen mit Tempo 30 km/h. Rappel 70 km/h – Ein Witz: Geblitzt werden können wir nur wegen extremer Geschwindigkeitsunterschreitung. Und dann trällert wieder der Werbesong in meinem Kopf: Es rappelt im Karton lala la. O.K. ist Vibratorwerbung sagt mein Mann – kann ich aber nichts machen, passiert automatisch in meinem Kopf. Stört meinen Kopf auch nicht, dass Geschwindigkeitsbegrenzung und Vibrator nicht zusammenpasst. Warum eigentlich nicht – ah egal, anderes Thema. Wir sind im Urlaub angekommen – keine Autobahn mehr um SCHNELL anzukommen. Anzukommen – Wo? Der Weg ist das Ziel – die Tachonadel bestimmt das Tagesziel. Irgendwo im Nirgendwo der Rhone-Alpes. GoogleMaps hat sich schon seit Tagen verabschiedet – Datenroaming ist eben auch endlich. Und so ist die gute alte Landkarte aus der Versenkung geholt worden – kurz entstaubt und los geht’s. Die olle Karte ist sowieso weniger zickig und schert sich nicht drum, ob wir gerade in den Höhen der Gebirgsketten tuckern – die Straßen und Ortsnamen bleiben klar und deutlich lesbar und nichts da mit: Der Server ist gerade nicht erreichbar – Daten können im OfflineModus nicht angezeigt werden. O.K. Licht – Licht ist hilfreich, sonst wird das nix mit dem Kartenlesen in der Abenddämmerung. Die kommt im September irgendwie schneller als gedacht. Aber so eine Taschenlampe hat man als Camper schon an Bord. Mmh, und das Zusammenlegen der Karte: Krieg ich nicht hin! Stört die Karte nicht – aber meinen Mann. Und so tuckern wir durch idyllische Dörfer und Weinberge entlang der Rhone. O.K. – 30 km/h beim Anstieg im Gebirge stresst meinen Mann auch durchaus mal, denn ist ja nicht jeder um uns herum in Urlaubsstimmung. Da zählt dann doch: Zeit ist Geld! Mich Stressen eher die Tunnel – Genau genommen nicht der Tunnel an sich, aber die fehlende Höhenangabe. Will ja auch keiner wirklich ausprobieren, ob das vielleicht doch 3,30 m sind. Und so stehst du dann vor der Pont d’Avignon im Nachmittagsverkehr und musst einen U-Turn hinlegen. Klar – kein Problem: Fiat Ducato Baujahr 1993 ohne Servolenkung lässt sich bestimmt auch in 3 Zügen wenden. Puh – 1:0 für den Fahrer, denn der Beifahrer hat definitiv bei der Routenplanung geschlampt. Tunnel, Brücken – egal, stresst mich jetzt halt. Da bin ich doch heilfroh, wenn so ein 7,5 Tonner vor uns durch den Tunnel durchschleicht – sind dann wohl min. 3,30 m. Geht das nur mir so? Habe ich in der Fahrschule nicht richtig aufgepasst? Vielleicht gibt es eine Regel, die besagt, wenn nichts dran steht, passt ein handelsüblicher LKW durch? Mmh – würde ich ja googeln, geht aber nicht: Bin offline! Ich kann das ja mal wie beim Jauch machen: Telefonjoker. Um das jetzt nicht zu dramatisieren, frag ich den Mann. Der Mann weiß es auch nicht! Haben wir vielleicht beide in der Fahrschule nicht aufgepasst. Weiss man ja mit 18 Jahren auch noch nicht, dass man mal so ein Auto für Rentner genannt „Wohnmobil“ fährt – mit Mitte 30. Und so rollen wir durch Frankreich weiteren Abenteuern entgegen.

#Loslassen #Urlaub #Frankreich #Entspannung

Leinen los!

Ah – mein Kopf ist schon ein Wunderwerk. Ob im Flieger oder im Stau – PLING: Ein Gedanke kommt und Satz um Satz hüpft durch meinen Kopf. Sitze ich gemütlich auf der Terrasse und habe alle Zeit der Welt, bekomme ich keine 3 geraden Sätze geschrieben. Also, ich heute im Stau so: Meine Welt steht Kopf. Geht das nur mir so? In meinem Kopf setzt sich ein Thema fest und schon passiert es: Facebook spukt ein süßes Hundevideo nach dem Anderen aus. Ja – jetzt kann ich mir das noch technisch erklären, da werden wohl die Cookies ihre Finger im Spiel haben. Mmh – im realen Leben geht das aber so weiter – Tunnelblick eben: Laufen denn nur noch Frauen mit Kinderwagen durch die Stadt? Und in der Brand eins spricht der Leitartikel von: Loslassen (Wolf Lotters). Da stehen dann Dinge wie: „Der Beruf ist, in dieser Arbeitskultur, fast untrennbar mit der Organisation verwoben, in der die dazugehörige Tätigkeit ausgeübt wird. Das aber ist ein geliehenes Leben. Man merkt das schnell, wenn man entlassen wird oder kündigt, also die Leinen gekappt werden. Oder wenn man in Rente geht. Dann stellt sich heraus, was die Sicherheitsleine wirklich war: eine Kette, deren Reißen einen den Boden unter den Füßen wegzieht…Arbeit, Beruf, Identität, das ganze Leben – alles was man hat und was man ist – das ist verschmolzen zu einem Ganzen. Wer kann da schon loslassen, wenn das gleichbedeutend ist mit dem freien Fall? Und wer weiß, wo der endet? Am besten also: weitermachen. Oder?“... Klingt ja irgendwie gruselig 🤔Ich für meinen Teil liebe meine Arbeit – aber eben auch ganz viele Sachen mehr.

Noch gar nicht ganz den Artikel zu Ende gelesen, spinnt mein Kopf die Argumentationskette alleine ohne Wolf Lotters weiter. In Gedanken bin ich bei Jorge Bucay und einer seiner schönen Geschichten: „Der angekettete Elefant“. Vielleicht kennt der Eine oder Andere diese Geschichte noch nicht:

ALS ICH EIN kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Wie ich später erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Größe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant 🐘 immer am Fuß an einen kleinen Pflock angekettet. Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich ganz außer Zweifel, dass ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte. Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute. Was hält ihn zurück? Warum macht er sich nicht auf und davon? Als Sechs- oder Siebenjähriger vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen Lehrer, einen Vater oder Onkel nach dem Rätsel des Elefanten. Einer von ihnen erklärte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei. Meine nächste Frage lag auf der Hand: „Und wenn er dressiert ist, warum muss er dann noch angekettet werden?“ Ich erinnere mich nicht, je eine schlüssige Antwort darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit vergaß ich das Rätsel um den angeketteten Elefanten und erinnerte mich nur dann wieder daran, wenn ich auf andere Menschen traf, die sich dieselbe Frage irgendwann auch schon einmal gestellt hatten. Vor einigen Jahren fand ich heraus, dass zu meinem Glück doch schon jemand weise genug gewesen war, die Antwort auf die Frage zu finden:  Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit frühester Kindheit an einen solchen Pflock gekettet ist.  

Ich schloss die Augen und stellte mir den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich war mir sicher, dass er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde steckt. Ich stellte mir vor, dass er erschöpft einschläft und es am nächsten Tag gleich wieder probiert, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten… Bis eines Tages, eines für seine Zukunft verhängnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt. Dieser riesige, mächtige Elefant, den wir aus dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, dass er es nicht kann. Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt hat, in sein Gedächtnis eingebrannt. Und das Schlimmste dabei ist, dass er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat. Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.“

So dreht sich täglich die wilde Achterbahn des Alltags. Was passiert, wenn wir einfach mal eine Runde aussteigen: Der freie Fall oder ungeahnte Abenteuer? Ist alles was ich bin und was ich habe wirklich auf Arbeit und Beruf reduziert?

Der Selbstversuch wird es zeigen ☝️ 

Ich mache das jetzt: Loslassen! Oder passender für mich: Leinen los!

#Loslassen #Abenteuer #Selbstversuch #Jorgebucay #Brandeins #Wolflotters